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Die Beschäftigung mit traditioneller Architektur ist wie Eintauchen in ein historisches Feld, das die großen Denker, Philosophen und Architekten aufgespannt und so trefflich bedient hatten. Man fragt sich unwillkürlich: Was kann man beitragen, was nicht schon geschrieben oder gebaut wurde? Von Vitruv und Palladio, von Schinkel, Semper bis Wagner, bis heute haben kluge Köpfe sich im Kleinen wie im Großen mit Architektur und Baukunst beschäftigt und großartige Gedanken und Ideen eingebracht, Lehrmeinungen und ganze Dogmen erschaffen wie Architektur beschaffen sein sollte, wie Architekten entwerfen, handeln und denken sollten.

Mit dem Studium der Schriften „der alten Herren“ eröffnet sich ein wahrer Erkenntnisschatz an architektonischem Wissen, philosophischem Gedankengut, aber auch an alltäglichen Bau- und gesellschaftlichen Problemen, die heute noch gültig sind. Es scheint, als ob bereits um 1900 im Grunde alles gesagt wurde, dass im Laufe der vergangenen 100 Jahre wenig Schöpferisches, Erkenntnis- und Lehrreiches dazu gekommen ist, das zu einer lebenswerten menschlichen Architektur beitragen könnte.

 

Die Leistungen der Architekten und Ingenieure des 19. Jahrhunderts sind unbestritten. Der Zuzug der Bevölkerung mit bis zur dreifachen Bevölkerungszunahme in vergleichbar kurzer Zeit, mehrmalige Stadterweiterungen und Eingemeindungen, der Ausbau für Industrie und Handel, Versorgungsnetze für Trinkwasser und Kanalisation, Telefon und Beleuchtung, der zunehmende Verkehr mit Automobilen und elektrifizierten Straßenbahnen, Verwaltungsgebäude, Opern- und Krankenhäuser, Universitäten und Schulgebäude, Bahnhöfe und Hotels, Gebäude für Ausstellungen, Sport und Kuraufenthalte und vieles mehr brachten enorme bauliche Herausforderungen, die die historische Architektur mit ihren traditionellen Mitteln zu bewältigen hatte. Unsere ganze gebaute Umwelt ist alleine schon durch die Quantität der Bauten geprägt von der Architektur des 19. Jahrhunderts.

 

Die historische Architektur ist tot! Man muss sich nicht mehr mit ihr beschäftigen! Das bescheinigen uns die Architekturgeschichtsschreibung und viele Architekturschulen seit beinahe 100 Jahren. Der moderne Mensch, der neue Mensch Darwins und des Industriezeitalters verlangen eine neue Architektur versicherten uns die Pioniere der frühen Moderne. Generationen von Architekten glaubten ihnen das, nachdem die Propaganda in den 1920er Jahren und die Verurteilung der klassischen Architektur nach 1945 ihr Werk getan haben. Jede Anwendung historischer Formen ist seither verboten, trifft auf Verachtung und Anfeindungen. Aber ist dieses Verbot nun für alle Zeiten festgeschrieben? Darf es keine Renaissance, kein Rückbesinnen und Suchen zeitlos gültiger Werte mehr geben? Was geschieht mit dem Erfahrungsschatz der Jahrtausende, dem Speicher von Erfahrungen, Erinnerungen, Wünschen und auch eingelöstem Glück, der nun seit einem Jahrhundert auf der Schutthalde der Geschichte liegt? Bleibt er ein verdrängtes Element unserer Geschichte, im Unbewussten sein Dasein fristend? Ist der Frame der Moderne so verbindlich, dass es bezeichnenderweise nur „vorwärts“ gehen kann und jeder Blick zurück verboten ist? Sind diese einfach gestrickten Moral- und Formengebote so stark, dass man weitere 100 Jahre Architekten zu den Geboten der Moderne verpflichten kann?

War es tatsächlich „der Zeitgeist“, oder wie man heute wohl eher sagen würde: „das kollektive Unbewusste“, das diese Strömung des Stopp- und Neinsagens hervorbrachte und ihr Kraft zum Entstehen gab? In allen Künsten gab es beinahe zeitgleich diesen Bruch mit der Tradition, diese Revolte gegen das Harmonische und Schöne. In der Malerei gab es den Übergang zur abstrakten Darstellung, die sich dem Verständnis des durchschnittlichen Galeriebesuchers zu entziehen begann. In der Musik wird dem kundigen Konzertbesucher merk- und hörbar bewusst, wie in den Kompositionen des zu Ende gehenden 19. Jh. die Ausdruckskraft des Harmonischen verschwindet und von enervierenden, dissonanten Musikstücken verdrängt wird. In der Musik gipfelt diese Bewegung schließlich in der atonalen Musik Schönbergs, die inzwischen als unhörbar geltend von keinem klassischen Radiosender mehr gespielt wird.

Auch in der Architektur ist etwas Ähnliches zu erkennen. Anfang des 20. Jahrhunderts verliert sich die Sicherheit der Formanwendung, die es bis dahin in eleganter und ästhetisch ansprechender Weise gegeben hat. Es scheint auch hier ein Schwinden der Gestaltkraft zu geben, Gebäude verlieren zunehmend ihre Proportionen und ihren harmonischen Zusammenhalt. Oft scheinen Gebäude dieser Zeit, obwohl weitgehend historisch „komponiert“, eher ein unsicheres Suchen nach Form zu sein, ein Ausprobieren am Beginn einer Periode und nicht eine Weiterentwicklung auf dem breiten Fundament eines späten Historismus oder eines gemäßigten fortschrittlichen Neoklassizismus.

Was sind nun diese geistigen Prozesse, die anscheinend ein Schwinden von Schönheit, Geschmack und Stil bewirkt haben? Ist es eine andere Zeitqualität, eine Zeitenwende oder die Industrialisierung, die eine Auflösung der alten Handwerkskultur Europas bewirkt?

Dann drängt sich natürlich gleich die Frage auf: Wo sind all die Fähigkeiten, die genetische Dispositionen eines Mozart, eines Goethe, oder eines Palladio? Entsprechend der Evolutionslehre und der Genetik können diese Fähigkeiten gar nicht verloren gehen, sondern sollten eigentlich immer mehr Verbreitung im Erbgut des modernen entwickelnden Menschen finden. Und wenn es solche genialen Menschen in unserer Gesellschaft gibt, warum werden sie nicht bestimmend für Kultur und Kunst?

Welche Faktoren sind nötig, damit es wieder zu einer jener „Kunstanstrengungen“ kommen kann, zu einer Renaissance und einer neuen Hochblüte der Kultur? Diesen Fragen wird in der Architektur leider nur unzureichend nachgegangen.

 

Die Moderne ist ein Baustil wie jeder andere auch, mit Gestaltungsregeln und -prinzipien, die einzuhalten der Architekt sich verpflichtet fühlt. Jede Entwurfsaufgabe darf utopisch, statisch verwegen bis unmöglich erscheinen, sie muss nicht begründet werden und darf auf jede konventionelle „Sprache“ verzichten, sie darf dekonstruktivistisch abstrakt sein und über jedes menschliche Maß und Vorstellungsvermögen hinaus gehen, sie darf beliebige Formen, die eines Insektes, einer silbernen Rose, einer löchrigen Socke, oder eines zerknautschen, zerfließenden Metallblockes und vieler weiterer annehmen - sie darf nur eines nicht: traditionelle Formen verwenden! Elemente der Gliederung wie Lisenen, Eckbossen, Stützen und Pilaster, Fensterumrahmungen, Sockel- bis Dachgesimse und vieles mehr, wurden mit dem Überbegriff Ornament über Bord der Moderne geworfen. Damit wurden dem Architekten mit einem Schlag fast sämtliche traditionellen Gestaltelemente aus der Hand geschlagen. Mit der optischen Begrenzung des Sockels mit einem Profil, der Hervorhebung des Fensters durch Umrahmungen mit Faschen, Fenstergesimsen und Blendbogen, mit der nach oben leichter werdenden Gestaltung der Wand mit Lisenen und Gurtgesimsen zur Gliederung der Geschoße und dem krönenden Abschluss mit einem Attikagesims standen dem traditionellen Architekten unzählige Möglichkeiten zur Verfügung, Strukturen zu schaffen, die dem menschlichen Auge und dem Geist Orientierung vermittelten.

Können moderne Architekten einen Grazer Altstadtkern neu bauen mit all seinen Straßen und Plätzen, Parks, Cafés und Restaurants? Können sie mit modernen Mitteln dieses Flair und dieses heimelige Lebensgefühl herstellen? Architekten spüren dieses Unvermögen aber auch ihre Machtlosigkeit, ihre abnehmende Akzeptanz in der Bevölkerung und ihre Bedeutungslosigkeit in der Bauwirtschaft. So ist es nur verständlich, dass auf den Universitäten noch die Faszination des Berufs, das Wunschbild des genialen Erfinders hochgehalten und gelehrt wird. Aber tut man den Studenten damit etwas Gutes? Versuchen Sie dann im Berufsleben nicht genau diesem Berufsbild zu entsprechen und scheitern letztlich resignierend an ihren eigenen Ansprüchen?

Den Studenten wird nur ein Teil der Gestaltungsmöglichkeiten gelehrt, die ganze umfassende Palette traditioneller Ausdrucksmittel wird ihnen vorenthalten und de facto verboten. Es wird kein Versuch gemacht diese traditionellen Mittel der Gestaltung einer kreativen, spielerischen und geistreichen Verwendung zuzuführen und mit dem „Zeitgeist“ von heute auf Anwendung zu prüfen. Das tausendjährige Wissen unserer Vorväter wird brach liegen gelassen und weiterhin pubertär verachtet. Dabei hätte man damit eine Grundlage zur Gestaltung in Händen, die so umfangreich ist, dass Architekten unterschiedlicher Begabungsstufen brauchbare bis vorzügliche Bauten realisieren könnten. Die Realität ist jedoch, dass an dieser „Purifikation der Architektenausbildung“ festgehalten wird und die Gräben noch tiefer werden.

Nach 100 Jahren der Moderne, in der die moderne Architektur es nicht geschafft hat, eine bessere heilere Umwelt zu schaffen, ist es endlich an der Zeit, diesen „höchst aktiven Teil der lebendigen Gegenwart“, diesen verdrängten Bereich der Architektur, der uns tagtäglich umgibt und in der wir leben, wieder zur Anschauung zu bringen.

Die traditionelle architektur und die moderne

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